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Mein Beginn als Alkoholikerin

Alkoholkonsum in Maßen

Der Grundstein für eine Alkoholabhängigkeit wird häufig schon bei der Zeugung oder im Kindes-und Jugendalter gelegt.

Frauen in Unterwäsche in einer Reihe

Mein Name ist Ruth N. und ich hatte mit 13 Jahren meinen ersten Rausch. Ich wurde 1970 in eine normale Familie im Gemeindegebiet von Bruneck hineingeboren und verbrachte ein recht unbeschwerte Kindheit. Einzig der Umstand, dass mein Vater regelmäßig besoffen nach Hause kam und dabei häufig randalierte, trübte mein Kind sein. Während ich es mir damals zur Gewohnheit gemacht hatte, mein Kopfkissen auf mein Ohr zu packen, wodurch das lautstarke Gebrülle gedämpft wurde, schwor ich mir in meiner kindlichen Naivität: Ich werde nie so werden wie mein Vater! Aber weit gefehlt.


Mit 12 Jahren eröffnete mir meine Mutti, nachdem mein Vater wieder mal stockbesoffen nach Hause kam, dass ich für ihn kein Wunschkind war. Ganz im Gegenteil, ich wäre für ihn nur ein „unnötiger Fresser“! Ab diesem Zeitpunkt ging ein Teil meiner Naivität, meines Selbstwertgefühls und meines Seins in die Brüche. Ich traute mich bei Tisch nicht mehr richtig zu essen. Ich hatte das Gefühl, dass ihm jeder Bissen auf meinem Teller für mich zu schade war. Ich aß heimlich.


Etwa zur gleichen Zeit fingen noch andere Probleme an. Meine Brust hat sich schon früh entwickelt und zu meinem großen Leidwesen auch noch in üppiger Fülle. Ich wurde dafür in der Schule gehänselt und ging nur mehr mit weiten Schlabberpullis zur Schule und mit enganliegendem Schwimmanzug zum Turnunterricht. Ich begann meinen Körper, mein Umfeld und mein Leben zu hassen.


In der Zeit hatte ich das erste Mal Suizidgedanken. In meinem Kopf herrschte Chaos. Da kamen Zigaretten gerade zum richtigen Zeitpunkt in mein Leben. Rauchen, ein Zeichen der Rebellion. Mir war anfangs kotzübel, aber da musste ich wohl durch! Der nächste Schritt war Alkohol. Ich merkte recht schnell, dass mir diese Substanz half, mutiger zu werden. Ich war doch eine eher schüchterne Jugendliche, vor allem wenn es darum ging, neue Bekanntschaften zu schließen. Meine Mutti war recht liberal, was das Ausgehen am Wochenende betraf und das war natürlich mit Feiern verbunden. Ich merkte schnell, wenn ich anfing zu trinken, gab es für mich kein Halten mehr, bis ich einen Vollrausch hatte. Nach so manch durchzechter Nacht, gab es dann ein böses Erwachen. Filmrisse waren keine Seltenheit. Meine Unerfahrenheit und meine restliche Naivität wurden mir so manches Mal zum Verhängnis. Unter Alkoholeinfluss glaubte ich relativ schnell den Männern und ihren Komplimenten. Unerfahren wie ich war, fand ich es nett und bildete mir auch noch eine Menge darauf ein, dass Männer mich gern zu Drinks einluden. Das waren Herren aller Altersklassen. Unter dem Vorwand, mit mir noch in ein anderes Lokal gehen zu wollen oder mich nach Hause fahren zu wollen, endete die Fahrt oft in einem abgelegen Waldweg, wo ich zu sexuellen Handlungen genötigt wurde.


Aus Scham und Schuld, habe ich mich damals auch nie jemandem anvertraut. Das Schlimme daran war, der Alkohol lies jedes Mal aufs Neue die Erinnerung daran verblassen, machte mich euphorisch, mutig und dumm. Diese Zeit war der Beginn meines jahrzehntelangen Alkoholmissbrauchs.


Kinder von Alkoholikern haben leider eine 60% Disposition (höhere Wahrscheinlichkeit), selbst eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln. Mein Vater war Alkoholiker.

Ich bin mir heute sicher, wenn meine Mutter damals gewusst hätte, was ihr Geständnis in mir auslöst, hätte sie wohl für immer geschwiegen. Noch heute begleiten mich Selbstwertthemen in meinen Beziehungen, die ich auch mit psychotherapeutischer Hilfe bis heute nicht imstande war für mich zu lösen.


Was ich damit sagen will ist, dass Erwachsene im Beisein von Kindern unbedachte Äußerungen machen, die ein Kind ein Leben lang prägen können. Kinder und Jugendliche sollten ihrerseits die Neugier und den Mut aufbringen, gesprochene Worte zu hinterfragen um Klarheit zu erlangen.

Alkohol und andere Drogen sind auf jeden Fall schlechte Berater.


Ruth Niederkofler


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